Sonja Klimke

Macht eine Branchenlösung Sinn? Interview mit Business-Central-Expertin Sonja Klimke

Wie sinnvoll ist eine Branchenlösung? Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen überhaupt bei der Einführung eines neuen ERP-Systems? Und welche Rolle spielt der Faktor Mensch bei der erfolgreichen Umsetzung von ERP-Projekten? Um diese und andere Fragen dreht sich unser Interview mit Sonja Klimke, Gründerin und Geschäftsführerin von SPOTS-BSS und Expertin für die ERP-Lösung Microsoft Dynamics 365 Business Central, ehemals Navision.

Wie die Sendung mit der Maus für Große

Du bist Geschäftsführerin von SPOTS-BSS. Was genau bietet dein Unternehmen an?

Die SPOTS-BSS bietet verschiedene Dienstleistungen an, u.a. Workshops zu Microsoft Dynamics 365 Business Central bzw. Navision. Außerdem biete ich Business-Central- bzw. Navision-Kunden Support, wenn diese zusätzliche Unterstützung brauchen. Der dritte und mittlerweile sehr große Bereich sind die Bücher rund um die Software. Darüber hinaus gebe ich auch das SPOTSi Schlau Magazin heraus. Nebenbei habe ich mit SPOTS-BSS für Schulen noch ein soziales Projekt, bei dem ich Kinder und Jugendliche z. B. über das Thema Cyber-Mobbing aufkläre.

Ein breites Spektrum also. Vor welchen Herausforderungen stehen denn die Teilnehmer aus deinen Workshops?

Es macht natürlich einen Unterschied, ob ich mit Anwendern oder Partnerkollegen zu tun habe. Kunden, die gerade die Software eingeführt haben, sind sehr auf ihre Prozesse fokussiert. Hier besteht die größte Herausforderung darin, die Verbindung zwischen dem Tagesgeschäft und der Software herzustellen. D.h. es geht um die Frage, wie die Prozesse in der Software abgebildet werden können.

Außerdem sind die Anwender zum Teil sehr unsicher, weil sie Angst um ihre Jobs haben. Das muss ich als Workshop-Leiterin natürlich berücksichtigen. Ich kann nicht einfach nur die Software zeigen, nach dem Motto „So macht ihr das jetzt“, sondern ich brauche sehr viel Empathie für die Anwender. Ich muss herausfühlen, welche Ängste sie haben. Denn ein unsicherer Anwender kann sich verweigern und schlimmstenfalls das Projekt zum Scheitern bringen.

Gibt es denn Erkenntnisse, die immer wieder für Aha-Erlebnisse sorgen?

Auf jeden Fall. Wenn ich Anwendern etwas in den neuen Versionen zeige, kommt oft die Reaktion „Ich wusste gar nicht, dass das geht“. Wenn ich dann nachfrage, hatten die Anwender häufig entweder keine Zeit oder aber Angst, nachzufragen. Dann haben sie sich selber ihr Konstrukt zusammengebaut und kennen den einfacheren Weg gar nicht.

Aber auch ich habe Aha-Erlebnisse. Wenn ich bei Kunden vor Ort bin, lasse ich mir immer eine Betriebsführung geben. Es macht eine Menge aus, sich das anzugucken. Außerdem ist es für mich schön, zu erleben, was hier alles produziert wird. Das ist wie die Sendung mit der Maus für Große, live und in Farbe. Es ist spannend zu sehen, was es draußen alles gibt, wie unsere Anwender damit umgehen und wie das mithilfe von Business Central bzw. Navision abgebildet wird.

Sonja Klimke im Gespräch auf der DYNAFair 2019

Sonja Klimke im Gespräch auf der DYNAFair 2019.

Branchenspezifische Lösungen berücksichtigen die speziellen Herausforderungen

Business Central ist ein gutes Stichwort. Wie profitieren Unternehmen von einem modernen ERP-System? Welche Vorteile bietet es?

Heutzutage ist ein ERP-System unabdingbar. Es steuert die gesamten Unternehmensprozesse. Außerdem ist es wichtig, um zukunftsfähig zu bleiben. Heute muss ja alles sehr schnell gehen. Händler müssen z. B. sichergehen, dass im Lager alles funktioniert und die Ware sofort ausgeliefert werden kann. Außerdem haben Unternehmen dank einer ERP-Lösung immer den Überblick über ihre Daten und können auswerten, wie gut sie wirtschaften. Das setzt aber natürlich seitens der Unternehmen auch voraus, dass sie ihre Daten pflegen. Keine Hände, keine Kekse.

Auf dem Markt gibt es neben branchenübergreifenden auch branchenspezifische Lösungen. Was muss man sich unter diesen beiden Optionen vorstellen?

Branchenübergreifend bedeutet, dass man z. B. die Standardlösung Business Central für den Handel verwendet und nur ein paar Kleinigkeiten angepasst sind. Diese Lösung könnte jeder nutzen, der im Handelsbereich unterwegs ist. Branchenspezifische Lösungen berücksichtigen dagegen die speziellen Herausforderungen der verschiedenen Branchen. Diese Besonderheiten könnte man über den Standard nicht abwickeln.

Deswegen sind branchenspezifische Lösungen auch nach wie vor so wichtig. Man kann einen Obst- und Gemüsehändler nicht mit einem Händler vergleichen, der Ersatzteile verkauft. Das ist ein ganz anderer Markt, da sind ganz andere Anforderungen gefragt. In Deutschland gibt es von A wie Anlagenbau bis Z wie Zulieferer eigentlich für jede Branche eine Lösung. Die Microsoft-Partner haben sich schon vor vielen Jahren spezialisiert, wie z. B. agiles mit den Branchenlösungen agilesFood und agilesTrade für den Handel mit Obst, Gemüse, Lebensmitteln und Konsumgütern.

Es ist sehr wichtig, die Mitarbeiter mit ins Boot zu holen

Welche Lösung würdest du Unternehmen empfehlen und warum?

Ich würde Unternehmen auf jeden Fall eine branchenspezifische Lösungen empfehlen. Wenn ich nach Empfehlungen gefragt werde, schaue ich mir an, was das Unternehmen genau macht. Mir ist es am liebsten, dass ein Partner mit dem Kunden gekoppelt ist, der die Anforderungen der Branche auch versteht und weiß, wo die Schmerzen liegen.

Die Software-Entwickler müssen verstehen, was z. B. ein Kunde aus der Lebensmittelbranche meint, wenn er eine Erweiterung im Zusammenhang mit Chargen oder Ablaufdaten braucht. Das geht nur, wenn sich der Anbieter spezialisiert hat. Auch die Berater dürfen nicht aus allen Wolken fallen, wenn der Kunde Fachbegriffe aus der Branche verwendet. Deswegen ist ein Partner mit einer Branchenlösung so wichtig. Nur dann kann man auch davon ausgehen, dass die Lösung mit Augenmaß und Fokus auf die eigene Branche aufgesetzt ist.

Was ist deiner Erfahrung nach bei der Einführung einer neuen ERP-Lösung wichtig?

Auf Anwender-Seite ist es wichtig, dass es einen internen Ansprechpartner gibt. Außerdem ist es sehr wichtig, die Mitarbeiter mit ins Boot zu holen und nicht über ihre Köpfe hinweg zu entscheiden. Unternehmen sollten offen darüber informieren, warum eine neue Lösung nötig ist. Das Schlimmste, was in so einem Projekt passieren kann, ist, dass die Mitarbeiter die Angst entwickeln, durch die neue ERP-Lösung ihren Job zu verlieren. Denn ängstliche Anwender können das Projekt zum Platzen bringen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Bereitschaft, Prozesse neu zu denken. Der schlimmste Satz in diesem Zusammenhang lautet: „Wir machen das seit 20 Jahren so“. Auch hier ist es zentral, die Mitarbeiter mitzunehmen, sie nach ihren Vorstellungen zu fragen und zuzuhören. Wenn alle sagen „Ja, das könnte wirklich besser funktionieren“, kann man den nächsten Schritt machen. Ich habe zu dem Thema, warum ERP-Projekte scheitern, übrigens ein Buch geschrieben: „Der vergessene Faktor: Der Mensch“.

Mehr zum Thema, warum ERP-Projekte scheitern, finden Sie auch auf unserem Blog:

Zum Blog-Beitrag

Die Lösungen sind gut für die Zukunft gerüstet

Die Dynamik des technologischen Fortschritts ist exponentiell. Was meinst du: welche neuen Voraussetzungen müssen ERP-Systeme in Zukunft erfüllen können?

Ich bin der Meinung, dass es v.a. darum geht, das Produkt als solches zu stärken. Das tun die Partner, die ich kenne, alle durch ihre Branchenlösungen. Im Endeffekt sind die Lösungen schon gut für die Zukunft gerüstet. Wir haben die Bedingungen, dass wir alles über Web abwickeln können. Das wird sich nur noch ein bisschen abrunden. Dass Künstliche Intelligenz das ein oder andere übernimmt, z. B. die Beschaffungsplanung unterstützt, wird sich in Zukunft noch weiter entwickeln.

Nichtsdestotrotz glaube ich, dass Unternehmen nach wie vor einen Partner brauchen, der sie begleitet. Ein vergleichbares Beispiel aus eigener Erfahrung: Ich habe mir letzte Woche ein neues Auto angesehen und war mit dem digitalen Cockpit komplett überfordert. Das musste ich mir erst einmal alles erklären lassen. Natürlich kann man seine ERP-Lösung alleine auf den neusten Stand heben. Aber wenn dir niemand erklärt, was für dich wichtig ist, kann das schnell zu Überforderung fühlen.

Gibt es noch etwas, das du unseren Lesern zum Abschluss mitgeben möchtest?

Microsoft Dynamics 365 begleitet die Kunden optimal. Wir können sie mit ihren speziellen Themen in ihrer Branche super unterstützen. Unsere Anwender sind auf der richtigen Seite, wenn sie sich an die Partner und Lösungen halten.

Vielen Dank, Sonja Klimke, für das spannende Interview. Wir wünschen dir und SPOTS-BSS für die Zukunft alles Gute!

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