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Was bedeutet der Brexit für den Lebensmittelhandel?

Das Referendum zum Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union ist inzwischen fast zweieinhalb Jahre her. Welche Folgen der Brexit – unter anderem auf den europäischen Binnenmarkt und die Zollunion – haben kann, entscheidet sich in diesen Tagen. Da zwischen Großbritannien und der EU jährlich Lebensmittel im Milliardenwert gehandelt werden, steht für den Lebensmittelhandel viel auf dem Spiel.

1. Brexit: Wie ist der Status Quo?

Vergangenen Sonntag haben die Staats- und Regierungschefs der verbleibenden 27 EU-Staaten die von Premierministerin Theresa May vorgeschlagene Vereinbarung zum Austritt Großbritanniens angenommen. Dabei handelt es sich um einen rund 600 Seiten starken Austrittsvertrag, der unter anderem die Rechte von EU-Bürgern, Schlusszahlungen und die Übergangsfrist bis Ende 2020 regelt. Diese Übergangszeit soll allen Beteiligten Zeit einräumen, um ein langfristiges Handelsabkommen zu gestalten. Hierfür besteht auch die Option einer Verlängerung bis 2022. Selbst nach der Übergangsphase könnte es aber noch zu einem harten Brexit kommen.

Doch das von May geschnürte Paket für einen Brexit-Deal ist umstritten. Neben Mitgliedern der Opposition haben sich auch dutzende Kollegen aus den eigenen Reihen gegen die Vereinbarung ausgesprochen. Widerstand kommt auch aus der nordirische Partei DUP, auf deren Stimmen Mays Minderheitsregierung angewiesen ist.

In der deutschen Wirtschaft trifft der Deal bei einigen Akteuren auf Zustimmung. Zum Beispiel beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), der von einem „fairen Angebot an Großbritannien“ spricht. Oder beim Verband der Chemischen Industrie (VCI), der mitteilte, die Zustimmung in Brüssel sei „ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einem geregelten Brexit.

2. Was passiert als nächstes?

Der nächste große Termin für das Brexit-Abkommen ist der 11. Dezember. An diesem Tag stimmt das britische Parlament über die Vereinbarung ab. Sollten die Verhandlungen scheitern und es zu einem „No Deal“-Szenario kommen, könnte Großbritannien ohne Vertrag und ohne Übergangslösung am 29. März 2019 die EU verlassen. Auch weitere Szenarien sind dann möglich, wie das Schaubild der BBC Political Research Unit zeigt.

Brexit Timeline

Die Frage, ob Großbritannien überhaupt noch einseitig die Erklärung zum Austritt aus der EU zurücknehmen könne, interessierte auch ein schottisches Gericht, das den Europäischen Gerichtshof anrief. Aktuell verhandelt der EuGH in Luxemburg das Thema; ein Urteil wird in ein paar Wochen erwartet.

3. Wie ausgeprägt ist der Lebensmittelhandel zwischen Großbritannien und der EU?

Entscheidend für die Auswirkungen auf die Lebensmittelbranche ist die Frage, ob der Handel zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich nach dem Brexit frei stattfinden kann und falls ja, in welchem Ausmaß.

Rund 40 Prozent der britischen Lebensmittel werden importiert und 85 Prozent der Gemüseimporte des Landes stammen aus der EU. Die meisten Tomaten und Zwiebeln des Vereinigten Königreichs stammen aus den Niederlanden, Blumenkohl und Sellerie zum größten Teil aus Spanien und Kartoffeln aus Frankreich. Während Bananen des Landes hauptsächlich aus Lateinamerika importiert werden, stammen Äpfel aus Frankreich und Südafrika; Spanien liefert über die Hälfte aller Mandarinen.

Auch Deutschland exportiert insbesondere Obst und Gemüse im Milliardenwert nach Großbritannien. So lagen die deutschen Nettoagrarexporte im Jahr der Brexit-Abstimmung bei 3,1 Mrd. Euro. Wie das Braunschweiger Thünen-Institut für Marktanalyse berichtet, ist das Vereinigte Königreich damit der Handelspartner, mit dem Deutschland den mit Abstand größten Agrarhandelsüberschuss aufweist.

4. Wie könnte der Brexit den Lebensmittelhandel betreffen?

Bei einem Austritt ohne Deal, also ohne privilegierte Partnerschaft oder Freihandelsabkommen, müssten Waren aus der EU zollrechtlich wie Waren aus Drittländern behandelt werden. Handelsbeziehungen würden auf beiden Seiten unter Zöllen, Grenzkontrollen und produktabhängigen Regulierungen leiden. Kosten könnten damit auch in Hinblick auf die Lieferkette steigen – zum Beispiel durch längere Transportzeiten oder einen größeren Aufwand bei der Dokumentation.

Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) erklärte, die EU könnte Zölle in Höhe von durchschnittlich 2,8 Prozent auf britische Exporte erheben, das Vereinigte Königreich sogar von 3,6 Prozent auf Waren aus der Rest-EU. Deutsche Exporte ins Königreich würden mit durchschnittlich 4,3 Prozent belastet.

Ein weiterer Faktor: Wenn das Vereinigte Königreich seine produktrelevanten Vorschriften nicht an EU-Regeln angleicht, müssten Produkte für den Export unter Umständen und falls möglich geändert sowie neu zugelassen werden.

Die möglichen Auswirkungen eines harten oder weichen Brexits auf die deutsche Landwirtschaft wurden auch vom Thünen-Institut untersucht. Das Ergebnis: Bei einem weichen Brexit ist mit einem Rückgang der deutschen Agrarproduktion in Höhe von 400 Mio. € zu rechnen. Dieser wertmäßige Rückgang würde bei einem harten Brexit dreimal höher ausfallen.

Sollte Großbritannien die EU verlassen, sind demnach sowohl bei einem harten Brexit, als auch bei der Vereinbarung eines Freihandelsabkommens oder weiterer Privilegien spürbare Auswirkungen auf den Lebensmittelhandel zu erwarten. Die IHK hat für Unternehmen, die sich darauf einstellen möchten, eine Checklist bereitgestellt, die Sie hier abrufen können. Weitere Informationen finden Sie zudem in Kürze auf unserem Blog.

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